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Leben nach der Katastrophe                                           

Phillip Vogl hat trotz schwerer körperlicher Behinderung sein Abitur bestanden                                                          

Von Kathrin Bretzler

HESS. LICHTENAU. Ein Köpfer ins Wasser. Ganz harmlos, ein Jux, Badekabbeleien mit den Klassenkameraden. Phillip Vogel springt, schlägt mit voller Wucht auf den Grund und bricht sich den vierten, fünften und sechsten Halswirbel. Das war 1996, Phillip war 16. Er erzählt das sehr ruhig, fast emotionslos. Wahrscheinlich hat er schon einmal zu oft erklärt, warum er ohne Hilfe nicht aufstehen, essen oder Zähneputzen kann.

Im Rollstuhl sitzt er in seinem Zimmer in Haus 21 der Klinik Lichtenau, soziale Rehabilitation. Ein Bett, ein Waschbecken, ein Computer. Hier lebt Phillip seit fünf Jahren. Sein Leben hat sich verändert. Nach der Katastrophe,

Er will In Kassel Sozialpädagogik studieren

den nutzlos gewordenen Beinen und den halbtauben Händen, dem Gefühl krank und allein zu sein, kam langsam wieder neues Selbstbewusstsein. „Ich bin körperlich eingeschränkt - nicht krank", sagt Phillip, und es hört sich an, als habe er diesen Satz lange geübt.


Spielen, chatten, lernen:
Philip Vogl verbringt viel Zeit am Computer. Für den körperlich stark eingeschränkten 23-Jährigen war er das wichtigste Hilfsmittel, um sich aufs Abitur vorzubereiten.  FOTO: BRETZLER

Heute ist er echt. Phillip weiß, wo er steht, was er kann und auch, was er nicht kann. Er wird nie wieder ohne Hilfe leben können, aber er kann lachen, mit Freunden Spaß haben, am PC chatten, harten Punk-Rock hören und lernen. Sogar so gut, dass er nach der Mittleren Reife jetzt sein Abitur an der Freiherr-vom-Stein-Schule bestanden hat.

Heute hat er große Pläne: 'Im August wird der 23-Jährige aus Haus 21 aus- und nach Kassel ziehen. „Ich will studieren", sagt Phillip. „Sozialpädagogik." Eine behindertengerechte Wohnung hat er sich schon ausgesucht.

Acht Betreuer werden ihm im Wechsel rund um die Uhr zur Seite stehen. „Nur vorm Alleinsein hab' ich Angst", sagt er. Denn die Freunde, der kurze Weg über den Flur ins nächste Zimmer, das wird er ver­missen. „Hier sind Menschen, die mich verstehen. Mit den gleichen Problemen."

Trotzdem will Phillip den Schritt in die größere Selbstständigkeit wagen. „Obwohl lernen und Schule eigentlich nie mein Ding wa­ren", sagt er. Früher wollte er Flugzeuggerätebauer oder Umwelttechniker werden. Früh arbeiten, bloß nicht zu lange büffeln, so sah Phillip eine Zukunft damals. Und Schule - da ist er eher hingegangen, um herumzualbern und „Mist zu bauen". Der Unfall habe ihn da sehr verän­dert. Aus dem wilden Teenie ist ein zurückgezogener, stiller Mann geworden.

Einige Freunde aus seiner alten Heimat Travemünde hal­ten auch heute noch zu ihm. Alle zwei Wochen fährt er nach Hause, um sie und seine Familie zu besuchen. Sehr schmerzhaft hat er damals erfahren, „wie schnell sich die Spreu vom Weizen trennt. " Null Bock hatte er damals. Null Bock vor allem darauf, bevormundet zu werden. Richtig angepöbelt hat er die Mitarbeiter im Haus 21, als er nach Hess. Lichtenau kam. Keiner sollte ihm vorschrei­ben, wie er als Schwerkranker angefasst werden muss. Heute hat sich sein Selbstbild verändert. Was er schafft, erledigt er allein. Berührungsängste und Hemmungen nimmt er anderen nicht mehr übel. „Das ist eben so. Manche kommen gut mit meiner Behinderung klar, andere nicht. Ganz normal."

Ganz normal - und doch nicht ganz normal. Wie auch sein Weg zum Abitur. Mit Extra-Zeit und Tipp-Hilfen für den Laptop hat er den Stoff bewältigt. Statt eines Aufsatzes schrieb er eine ausführliche Gliederung. Eine Matheaufgabe löste er ohne Darstellung des Rechenwegs. „Das ist aber kein Beschiss", sagt Phillip. Nur eine auf ihn zugeschnittene Variation.

Vorbei. Phillip hat bestan­den. Als letzter Abiturient in Haus 21. Bald heißt es Abschied nehmen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, aber trotzdem voller Vorfreude und Optimismus. Ganz normal eben.