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Leben nach der Katastrophe
Von Kathrin Bretzler HESS. LICHTENAU. Ein Köpfer ins Wasser. Ganz harmlos, ein Jux, Badekabbeleien mit den Klassenkameraden. Phillip Vogel springt, schlägt mit voller Wucht auf den Grund und bricht sich den vierten, fünften und sechsten Halswirbel. Das war 1996, Phillip war 16. Er erzählt das sehr ruhig, fast emotionslos. Wahrscheinlich hat er schon einmal zu oft erklärt, warum er ohne Hilfe nicht aufstehen, essen oder Zähneputzen kann. Im Rollstuhl sitzt er in seinem Zimmer in Haus 21 der Klinik Lichtenau, soziale Rehabilitation. Ein Bett, ein Waschbecken, ein Computer. Hier lebt Phillip seit fünf Jahren. Sein Leben hat sich verändert. Nach der Katastrophe, Er will In Kassel Sozialpädagogik studieren den nutzlos gewordenen Beinen und den halbtauben Händen, dem Gefühl krank und allein zu sein, kam langsam wieder neues Selbstbewusstsein. „Ich bin körperlich eingeschränkt - nicht krank", sagt Phillip, und es hört sich an, als habe er diesen Satz lange geübt.
Trotzdem will Phillip den Schritt in die größere Selbstständigkeit wagen. „Obwohl lernen und Schule eigentlich nie mein Ding waren", sagt er. Früher wollte er Flugzeuggerätebauer oder Umwelttechniker werden. Früh arbeiten, bloß nicht zu lange büffeln, so sah Phillip eine Zukunft damals. Und Schule - da ist er eher hingegangen, um herumzualbern und „Mist zu bauen". Der Unfall habe ihn da sehr verändert. Aus dem wilden Teenie ist ein zurückgezogener, stiller Mann geworden. Einige Freunde aus seiner alten Heimat Travemünde halten auch heute noch zu ihm. Alle zwei Wochen fährt er nach Hause, um sie und seine Familie zu besuchen. Sehr schmerzhaft hat er damals erfahren, „wie schnell sich die Spreu vom Weizen trennt. " Null Bock hatte er damals. Null Bock vor allem darauf, bevormundet zu werden. Richtig angepöbelt hat er die Mitarbeiter im Haus 21, als er nach Hess. Lichtenau kam. Keiner sollte ihm vorschreiben, wie er als Schwerkranker angefasst werden muss. Heute hat sich sein Selbstbild verändert. Was er schafft, erledigt er allein. Berührungsängste und Hemmungen nimmt er anderen nicht mehr übel. „Das ist eben so. Manche kommen gut mit meiner Behinderung klar, andere nicht. Ganz normal." Ganz normal - und doch nicht ganz normal. Wie auch sein Weg zum Abitur. Mit Extra-Zeit und Tipp-Hilfen für den Laptop hat er den Stoff bewältigt. Statt eines Aufsatzes schrieb er eine ausführliche Gliederung. Eine Matheaufgabe löste er ohne Darstellung des Rechenwegs. „Das ist aber kein Beschiss", sagt Phillip. Nur eine auf ihn zugeschnittene Variation. Vorbei. Phillip hat bestanden. Als letzter Abiturient in Haus 21. Bald heißt es Abschied nehmen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, aber trotzdem voller Vorfreude und Optimismus. Ganz normal eben. |
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